Was sind frühkindliche Reflexe?

Wenn sich das zentrale Nervensystem im Uterus entwickelt, beginnt der Embryo und später der Fötus, Reflexaktivitäten zu zeigen. Diese verstärken sich im Laufe der Schwangerschaft und sollten zur Geburt vollständig präsent sein, um dem Neugeborenen den Eintritt ins Leben zu erleichtern und sein Überleben zu garantieren. Sie liefern ein einfaches, erstes Trainingsprogramm für spätere willkürliche Fähigkeiten und dienen Kinderärzten als diagnostische Zeichen für die Reife des kindlichen zentralen Nervensystems.

In den ersten Lebensmonaten muss das sich entwickelnde Gehirn bewusste Kontrolle über die primitiven Reflexmuster erlangen und sie durch reifere Halte- und Stellreaktionen ersetzen. Diese bilden die Grundlage für willentlich gesteuerte Bewegungen, Handlungsplanung, Koordination und Haltung. Geschieht dies nicht ausreichend (z.B. durch schwierige Schwangerschafts- und Geburtsverläufe oder postnatale Traumata), so können strukturelle Schwächen und eine Unreife des zentralen Nervensystems und Reizverarbeitungsstörungen die Folge sein.

Ein gesundes, intelligentes Kind kann so auf verschiedenen Ebenen und in unterschiedlichsten Bereichen in seiner Entwicklung wie Bewegung, Wahrnehmung, Verhalten, emotionale, kommunikative und soziale Kompetenz und Lernen empfindlich beeinträchtigt werden.

Mögliche Folgen bei noch vorhandenen (persistierenden) Reflexen

Tonischer Labyrinthreflex (TLR)

  • Schlechte Balance
  • Haltungsschwäche
  • Zehenspitzengang beim Kind ab 3.5 Jahren
  • Feinabstimmung der augenmotorischen Funktionen beeinträchtigt
  • Visuelle Wahrnehmungsprobleme, erkennen von Formen ist schwierig
  • Schwindel und Übelkeit
  • Reiseübelkeit bis nach der Pubertät
  • Kopfschmerzen
  • Die Orientierung im Raum ist erschwert
  • Abschätzen von Entfernungen, Richtungen, Abmessungen ist erschwert
  • Schwächen im Erkennen und Einhalten von logischen Abfolgen
  • Schwach ausgebildetes Zeitgefühl
  • Selbstorganisation und Selbststrukturierung ist erschwert (Schulunterlagen, Zimmerordnung, Zeitmanagement)
  • Hörverarbeitungsprobleme
  • Kinder haben Mühe zu Automatisieren
  • Kinder verlieren beim Erzählen den „roten Faden“

Mororeflex:

  • Vestibuläre Probleme wie Reiseübelkeit, unsicheres Gleichgewicht und schlechte Koordination, Überempfindlichkeit durch vestibuläre Stimulation
  • Überempfindlichkeit in einem oder mehreren sensorischen Bahnen, oftmals Allergien und Atemwegsprobleme
  • Überschiessende Reaktionen auf äussere Stimuli
  • Störungen in der Augenmotorik und der visuellen Wahrnehmung, Pupillen reagieren nicht richtig auf Licht – den Kindern ist zu hell z.B. Neonröhren in Schulzimmern, Buchstaben tanzen, vor allem schwarze Buchstaben auf weissem Grund
  • Aktivierung des Sympathischen Nervensystems. Der Mororeflex ist häufig beteiligt an Störungsbildern wie Angststörungen, Panikattacken, hormonellen Problemen, Immunschwächen, Psychosomatische Erkrankungen, (vor allem auch bei Erwachsenen)
  • Wechsel bedrohen existenziell
  • Die Kinder kommen schnell in Wut und Rage
  • Sie lieben keine Überraschungen, zwanghaftes Verhalten das Leben unter Kontrolle zu haben
  • Oftmals auch zwanghafte Essstörungen
  • Das Kind sitzt gerne am Rand im Klassenzimmer
  • Oftmals Zink- und Niaminmangel
  • Kinder kommen schlecht zur Ruhe, ständige Übererregbarkeit
  • Erregungskurve: am Abend wird oftmals ein Erregungszustand produziert, damit das Kind in den Schlaf übergehen kann.
  • Schlechte Anpassungsfähigkeit auf neue Herausforderungen
  • Konzentrations- und Aufmerksamkeitsschwäche
  • Kinder beziehen alles auf sich selber, haben kein gut aufgebautes Ego
  • Sehr überbordende Phantasie
  • Die Kinder bringen ihre Bilder und Vorstellung oftmals nicht aufs Papier (Feinmotorische Schwierigkeiten) oder in Verbindung mit real Machbarem
  • Oftmals grosse Schwierigkeiten bei Ballspielen (Augen-Handkoordination)
  • Als Baby lieben sie häufig die Rückenlage nicht (Welt stürzt auf sie ein)
  • Eltern haben häufig das Gefühl, dass sie das Kind unter- oder überfordern

Asymmetrisch Tonischer Nackenreflex ATNR:

  • Gleichgewichtsprobleme bei Kopfdrehung zur Seite  
  • Kreuzmusterbewegungen (Robben, Kriechen) sind erschwert bis unmöglich
  • Augen- Handkoordination ist schwach ausgeprägt
  • Rechts- Links – Unterscheidungsprobleme
  • Horizontale Augenfolgebewegungen sind unzureichend
  • Visuelle Wahrnehmungsprobleme, insbesondere bei der Darstellung symmetrischer Figuren
  • Schlechte Schreib- und Rechtschreibfähigkeiten
  • Diskrepanz zwischen mündlichem und schriftlichem Ausdruck
  • Grosse Stressreaktionen beim Verschriftlichen von Inhalten
  • Die Schrift zum rechten Rand wird grösser, unleserlicher, es wird über den Rand geschrieben, Raumaufteilung auf dem Papier kann nicht eingehalten werden
  • Der Stift muss sehr verkrampft gehalten werden
  • Die Kinder weichen der Mittellinie aus, als Kompensation wird das Papier schräg gelegt oder die Kopfstellung verändert (schräg gehalten)
  • Die Zusammenarbeit beider Augen ist erschwert, oft wird ein Auge weggeschaltet
  • Oft sind Augenfolgebewegungen davon betroffen es kommt zu Augensprüngen, die Kinder verlieren die Zeile beim Lesen

Palmarreflex (Greifreflex)

  • Die Greifentwicklung vom unwillkürlichen Greifen über das Loslassen zur verfeinerten Kontrolle der Finger ist beeinträchtigt
  • Dysdiadochokinese der Finger (schnell alternierende Bewegungen gehen nicht)
  • Auffällige Stifthaltung (die Tendenz Stifte mit der ganzen Hand zu halten, anstatt mit den Fingern, ebenfalls das Besteck)
  • Taktile Überempfindlichkeit, besonders der Handinnenflächen
  • Sprech- und Artikulationsprobleme durch fortgesetzte primitive Verbindung von Hand- und Mundbewegungen, die Entwicklung unabhängiger Kontrolle der Muskeln im vorderen Mundraum ist beeinträchtigt
  • Schreiben und Zeichnen werden von Mundbewegungen begleiten
  • Die Kinder müssen sich oft an etwas festhalten und haben immer wieder etwas in der Hand

Spinaler Galantreflex (Rückgratreflex)

  • Zappeligkeit, innere Unruhe und Getriebensein
  • Mangelnde Konzentration
  • Bettnässen über das 5. Lebensjahr hinaus, tagsüber und nachts
  • Taktile Überempfindlichkeit
  • Skoliose und einseitige Hüftrotation beim Gehen, das eine Bein könnte kürzer sein
  • Beteiligt an frühen Hörverarbeitungsstörungen
  • Die Kinder tragen nicht gerne einengende Kleidung vor allem im Becken- und Hüftbereich.
  • Die Kinder stehen oft asymmetrisch, stehen ungern auf beiden Beinen, Neigung zu Hüftluxation

Hinweis: Die Kinder haben wenig Ausdauer möchten sich ständig bewegen, sie brauchen kleine „Fluchten“, bereits die Stuhllehne oder ein Gürtel können den Reflex auslösen und die Konzentration des Kindes stark beeinträchtigen. Oftmals nehmen Kinder mit persistierendem Galantreflex eine besondere Sitzhaltung ein.

Symmetrisch Tonischer Nackenreflex STNR

  • Barriere auf der horizontalen Körpermittellinie
  • Probleme bei Bewegungsabläufen, die die Zusammenarbeit von Ober- und Unterkörper erfordern, z.B. Schwimmen, Rollen vorwärts und rückwärts, Handstand
  • Krabbeln auf Händen und Knien wurden als Kleinkind ausgelassen oder ersetzt durch Bärengang oder Porutschen
  • Haltungsschwächen beim Sitzen, entweder Stabilisieren durch Beine nach hinten knicken beim „auf dem Boden sitzen“ oder Vornüberbeugen beim Sitzen
  • Scherensitz
  • Binokulares und peripheres Sehen sind beeinträchtigt
  • Kleinkindliche Weitsichtigkeit persistiert (bleibt)
  • Vertikale Augenfolgebewegungen beeinträchtigt
  • Muskeltonus, Kraft und Energie sind beeinträchtigt
  • Konzentration und Aufmerksamkeit sind eingeschränkt